Biken im Erzgebirge

Entspannung in der “Grünen Hölle“

von Derrick Schönfelder

Mit der MAD EAST CHALLENGE im ostsächsischen Altenberg präsentierte sich am vergangenen Wochenende eines der traditionsreichsten Mountainbikeevents Ostdeutschlands im neuen Gewand. Über Jahre zum Vorzeige-Etappenmarathon entwickelt, zeigt sich die grenzüberschreitende Veranstaltung mittlerweile vielfältiger: mit Kinderrennen, Light bis Ultra-Marathonstrecken und 2-tägigem Endurospaß. Und das alles in bekannt familiärer, entspannter Atmosphäre.

Was waren das für Zeiten früher. Drei Tage in Folge quälte man sich freiwillig durch die Wälder, Weiden, Wiesen rund um Altenberg, um beim kleinsten, aber feinsten Etappenrennen Deutschlands die Ziellinie der Gesamtwertung zu sehen. Nun, einige Jahre später gibt’s davon die XXL-Variante, als Überdosis an Kilometern und Höhenmeter. Vormals drei Etappen nun komprimiert in einem Ultramarathon. Passender Weise mit dem Prädikat “Hell“ versehen. Aber wenn schon, denn schon. Der Vorteil: am Sonntag bleibt noch Zeit für einen gemütlichen Enduro-Abstecher. Denn was früher als Ergänzungsangebot galt, wird nun als Doppelwettkampf am Samstag und Sonntag angeboten.
So ändern sich – dank der Vorgaben aus der Bike-Industrie – die Vorlieben der Biker.

Das hier schon immer alles anders war hat sich über die Zeit nicht verändert. Kein hastiges Gehetze zur Anmeldung, keine ölverschmierten Beine im  Startblock, keine Gel-Buffets an den Verpflegungspunkten – entspannt nimmt das Event Fahrt auf. Wer nicht will, muss sich nicht „den langen Kanten“ geben, es gibt auch weniger ausdauerfressende Strecken im Angebot. Frühstück? Klar auch das ist noch im Angebot. Genauso wie Bike-Einkleidung für Vergessliche oder Radtourismusausfahrt.

Schon vom Start am Skihang Altenberg geht es im Zickzack-Stil durch die letzten Winkel und Ausläufer des Erzgebirges. Doch nicht einfach so. Nein, vielmals über feinste Trails, tolle Wald- und Wurzelpassagen und Wegführungen mit Panoramablick. Schon toll was man alles zu Gesicht bekommt. Und das bei bestem Sommerwetter. Auch wenn das Strahlen der Teilnehmer mehr und mehr verfliegt und sich die Gesichter nur noch bei den Kurzbesuchen an den Obst- und Kuchenbuffets der Verpflegungspunkte aufhellen. Was sich wenige Kilometer weiter mit dem erwünschten Aufziehen von schattenspendenden Wolken andeutet, macht dazu das Fahren nicht leichter: sintflutartige Regengüsse weichen nicht nur die erhitzten Körper auf, sondern verwandeln manchen Trail in eine traktionsverschlingende Rutschbahn. So wechseln sich fortan Tret- und Schiebepassagen bei minimierten Sichtweiten ab. Die „Light“ und „Medium“-Fahrer haben längst den glitschigen Laufsteg verlassen. Es wird einsam, als der Tacho erstmals dreistellig blinkt und den Rest der Mountainbiker in die vom Veranstalter „Grüne Hölle“ getaufte Ab- und Auffahrt am Mückentürmchen entlässt. Die Vorfreude auf das Wochenende, die entspannte Atmosphäre oder die tollen Panoramaausblicke – alles vergessen und uninteressant. Es geht nur noch ums Ankommen. Selbst die Golfplatz-Überfahrt tangiert nur muskelseitig, Gefühlsregungen existieren nur noch im Negativbereich. Wenn einem der Zuruf „Nur noch 4 Kilometer.“ erreicht, weiß man: „Es ist geschafft!“. Die letzten Meter versucht man nochmal zu genießen und in den „Spaßmodus“ zu schalten. Und tatsächlich, mit der Zieleinfahrt und den freudigen Blicken und aufmunterndem Nicken der Zuschauer und Helfer kommt dieser tatsächlich zurück. Auch wenn das Bewegen mehr als schwer fällt.

Keine 15 Stunden später steht man wieder an der Startlinie. Freiwillig natürlich. Überall zwickt und schmerzt es noch vom Vortag, doch der Abstecher zum 2. Endurotag sollte das Mad East Wochenende abrunden. Gemütlich radeln die Enduristen im Pulk von Altenberg zur 1. Wertungsprüfung, wo es erstmals Ernst werden sollte. Und siehe da: während die anderen ungläubig auf die Streckenführung entlang eines Golfplatzes schielten, erkennt der Marathonfahrer den Streckenabschnitt von der gestrigen Ausfahrt.  Zügig geht es hier über Sandbunker, kleinere Hindernisse und bissige Steinhäufen entlang des Fairways dahin. Ein netter Einstieg in das Sammelsurium fahrtechnischer Unwegsamkeiten, welche einen bei den nächsten beiden Wertungsprüfungen erwartete. Denn hier begrüßte einen erneut die „Grüne Hölle“, ersparte jedoch die Bergaufpassagen im Renntempo. Vielmehr geht es in unterschiedlichen Varianten hangabwärts. Leider auch einmal massiv seitwärts zur Grasnarbe, was mittels Bodenkontakt und dank der Regenschauer der Nacht ein unschönes Muster auf der Kleidung zurücklies. Als finale Prüfung wartete nach nochmals 40 Kilometern Transferdistanz die Abfahrt in Altenberg. Im Waldlabyrinth links- und rechtsseitig des Skihangs war nochmals ein Wurzelteppich abgesteckt, der einiges an Auf- und Abbewegungen erforderte, um sein Rad im Zaum zu halten.

Mountainbike-Erlebnis in seiner Urform – so lässt sich ein derartiges Wochenende beschreiben. Die Mad East Challenge bietet dafür den passenden Rahmen, mit perfekter Organisation, tollem Streckenangebot und Wegeverlauf sowie einer herzlichen Atmosphäre, die sich nicht an Leistungswerten und MTB-Disziplinen orientiert.
Auch wenn man leidensfähig sein muss, den Besuch sollte sich kein Mountainbiker entgehen lassen.

D. Schoenfelder

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