Blick auf die Landskrone

Landtour ins Gestern

von Johannes Philips

Ein seltsames Wort fällt mir ein: „Kindheitserinnerungswälder“. Es stammt aus einer Art Liebeslied, das ich dann und wann gerne höre. Jetzt kommt es mir in den Sinn und will nicht wieder raus. Kindheitserinnerungswälder. Mitten in den Königshainer Bergen sitze ich auf meinem neuen Fahrrad und die Erinnerungsmaschine läuft auf vollen Touren. Eigentlich bin ich in Markersdorf gestartet, um mein neues Bike zu testen. Doch jetzt achte ich weder auf Schaltung noch auf Sitzkomfort. Mir fallen so viele Dinge wieder ein, von denen ich heute wohl viele mit anderen Augen sehe. Denn begeistert waren wir Kinder selten, wenn es mal wieder zum Wandern gehen sollte. Und manchmal hatte sich Vater mit der Strecke ein wenig … naja … verkalkuliert. Sehr zu Lasten kurzer Kinderbeine. Aber dann erzählte er wieder seine Geschichten um uns bei Laune zu halten. Auch über den Granit aus jenen Königshainer Bergen: Er zeigte uns die Steinbrüche und plötzlich waren wir in Gedanken am Meer – beim Leuchtturm von Kap Arkona auf Rügen, erbaut aus dem Granit unter unseren Füßen. Ich rolle in den Ort, vorbei am Barockschloss mit seinem kleinen Park und dem Steinstock, der mir mittelalterliche Rittergeschichten ins Gedächtnis zaubert. Nächster Stopp: Granitabbaumuseum. Wegen Kap Arkona.

Weiter geht es in Richtung Schöpstal. Ich folge der „Görlitzer Landtour“, einer schönen 32-Kilometer-Runde voller Abwechslung, selbst wenn man nicht in Gedanken an Kindertage schwelgt. Für das Wasserschloss nehme ich einen kleinen Umweg in Kauf und gönne mir eine ausgiebige Rast am Bächlein mit Blick auf den Kapellenberg.

Das halbe Stündchen in der Natur ist der perfekte Kontrast zum Trubel in Görlitz, denn die Landtour führt mitten durch die Stadt. Bei blauem Himmel mit Federwölkchen drängen sich hier Menschen in den Gassen und Baustiele aus vielen Jahrhunderten sowieso: Gotik, Renaissance, Barock, Jugendstil … alles da und immer wieder schön. Umso schöner, wenn ich bedenke, wie wenig die Stadt noch mit dem grauen, bröckelnden Görlitz meiner Kindheit zu tun hat. Noch ein Blick über die Neiße bei einer halben Radlermaß und dann geht es weiter, vorbei an der Landeskrone, durch Pfaffendorf in Richtung Markersbach. Schon kommt der schmucke Vierseithof des Dorfmuseums in den Blick. Das schaue ich mit beim nächsten Besuch an. Oder eines Tages mit meinen Kindern.

 

Johannes Philips

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