Energiefabrik Knappenrode

Unterwegs im Kohleland

von Johannes Philips

Volle drei Sterne ist dem ADFC die „Niederlausitzer Bergbautour“ wert, beste Radlerbedingungen also. Das macht mich neugierig – wie übrigens auch die Länge: mehr als 500 Kilometer geht es in Nordsachsen und Südbrandenburg durch eineinhalb Jahrhunderte Braunkohlegeschichte. Ich habe mir zum Reinschnuppern eine Runde ab Hoyerswerda rausgesucht, gemütliche 45 Kilometer. Um eines vorwegzunehmen: So richtig dreckig wird es nirgends auf der Tour. Denn wo vor Jahrzehnten riesige Mondlandschaften das Bild prägten, regiert heute wieder die Natur – wenn auch keine „unberührte“. Zuerst führt es mich gen Nordwesten in Richtung Burg am Scheibesee vorbei. Das einstige Dorf Scheibe musste Mitte der 1980er Jahre dem Energiehunger der Republik weichen und der Tagebau ab 2002 den Fluten der Kleinen Spree, die das Restloch inzwischen vollständig gefüllt hat. Ich radele auf tatsächlich herrlichen Radwegen weiter, noch weiter in die jüngste Braunkohlevergangenheit. Der Dreiweiberner See bei Lohsa ist schon fast 15 Jahre mit dem Wasser des Flusses gefüllt und ein wirklich perfekter Ort für eine geruhsame Rast. Ich liege im Gras, höre den Enten im Schilf zu und versuche mir vorzustellen, wie hier bis 1989 rund 14 Millionen Tonnen Braunkohle gebrochen wurden … erfolglos. Dazu müsste ich mich wohl ins Brandenburgische aufmachen, wo die Fernradroute auch drei aktive Tagebaue passiert und das Besucherbergwerk F60 wartet. Heute wird das aber nichts mehr, denn Knappenrode ist mein nächster Stopp, genauer gesagt: die „Energiefabrik“. 75 Jahre lang wurden in der riesigen Fabrikanlage Briketts aus Rohbraunkohle hergestellt – bis 1993. Heute ist sie das Herzstück einer 25 Hektar großen Museumslandschaft, die abwechslungsreich und beeindruckend die ostsächsische Bergbaugeschichte illustrieren. Allerdings bin ich wohl eine Woche zu früh dran, denn am 14. Juni steigen hier die 12. FabrikFestSpiele. Dann wird hier der „Schwarzmarkt“ eröffnet und das ganze Gelände wird zur Picknickwiese oder Tanzfläche oder Schlemmermeile. Zudem werden in vielen Ausstellungen Sonderführungen angeboten. Aber was soll’s – vielleicht komme ich einfach noch mal her und nehme mir dann einen weiteren Abschnitt der 500-Kilometer-Tour vor. Vielleicht nach Lauchhammer, wo auch der Kunstguss zur Industriegeschichte der oder an den Großräschener See mit den herrlich gestalteten IBA-Terrassen. Aber ich merke schon: Eine Extra-Tour wird gar nicht reichen…

Avatar
Johannes Philips

  Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.